Vor uns betritt eine Frau die Alte Pfarrkirche in Pankow und ruft: „Ich habe meine Mutter mitgebracht.“ Ich schaue hin und sehe zwei ältere Damen. Es kommt oft vor und überrascht inzwischen wenig, nicht genau sagen zu können, wer die Mutter und wer das Kind ist.
Noch bevor wir uns die Plätze aussuchen, blicken wir zurück, nach oben. Da steht sie: die silberne Orgel.
Ich nehme meine unmittelbare Nähe wahr, heute mit dem Gesicht einer Kirche: eine wie die, die ich als Kind hatte. Diese hier hat eine Orgel, die Kirche damals hatte einen Balkon für den Chor. Oder so erinnere ich mich jetzt.
Auf dem Boden, ein Mosaik aus Rauten; die Decke aus Holz, die auch der Boden hätte sein können. Zwischen Bänken und Altar sind Stühle aufgestellt, noch nicht besetzt. Man fragt sich, für wen sie bestimmt sein mögen. Nach und nach füllen sich die Stühle und die Bänke. Rund hundert Leute versammeln sich an diesem Abend des Pankower Orgelherbstes. Auf den Stühlen vor uns sitzen inzwischen ungefähr vierundzwanzig Leute, mit dem Rücken zum Altar und dem Gesicht zur Empore. Hier dürfen die Menschen der Orgel zusehen. In einer orthodoxen Kirche wäre der Rücken zum Altar undenkbar.
Ein Mann von der Gemeinde stellt die Organistin vor. Angela Metzger kommt aus München; auf dem Programmzettel ist ihr Geburtsjahr vermerkt: 1986. Sie steht vorne, zwischen den Bänken und der Gruppe der Orgelstauner, und greift gleich das Wort. Dann kündigt sie das Abendprogramm an und spricht über dessen Symmetrie, über Foccroulles Zeitachse und über die einzige Orgelkomponistin des Abends, die Schwedin Elfrida Andrée.
Sie erzählt, wie Andrée und ihr Vater Petitionen schrieben, bis das Gesetz unter König Karl XV. geändert wurde und sie Organistin werden durfte. Danach schickten beide weitere Petitionen, damit Frauen auch Telegrafistinnen werden dürfen, und das wurde sie dann auch. „Es lohnt sich also, politische Petitionen zu schreiben“, schließt daraus Angela Metzger.
Sie hat kurze Haare, aufgestellt, und trägt schwarze Hose und Hemd mit weinrotem Kragen und weinroten Manschetten. Ihre Aussprache ist klar, jedoch lässt sie sich nicht leicht einordnen: weder ein bayerischer Akzent noch akzentfreies Deutsch. Vielleicht hält sie ihn eigentlich zurück.
Sie geht. „Sie tritt jetzt in die Orgel rein“, flüstere ich noch meiner Mutter zu, und es folgt eine lange Stille.
Das Konzert fängt mit Bach an, mit einem fröhlichen Vivace für Orgel: Das ist Bach zu Hause. Das Lento danach ist so tief und so langsam, als bliebe etwas willentlich, beharrlich auf der Stelle. Oder als ginge es durch die Tiefe der Stelle hindurch. Und der Klang bleibt trotzdem sauber. Schließlich setzt nach dem Allegro eine lange Pause ein und ich weiß, dass jetzt niemand klatschen wird.
Andrées Choral setzt noch tiefer an, allmählich zeigt er, wie sich Stoff im Dunkel bewegt. Vertieft in diese Bewegung senken manche den Kopf, manche halten die Augen geschlossen, manche sehen zur Empore hin.
Ich betrachte die weißen Wände rechts, auf denen sich nur angedeutete Zeichnungen erkennen lassen. Sie sehen wie Höhlenzeichnungen aus, ein bisschen naiv, und zugleich abgearbeitet, als hätte man etwas übermalt. Drei Szenen, die Menschen darstellen. Von dieser Seite lässt sich schwer erkennen, was; in den letzten zwei zeichnet sich jedoch deutlich ein Heiliger ab. Das Goldblatt ist dünn und nicht geglättet; ein Rand steht heraus.
Mein Blick wandert zum Altar. Dort stehen Kerzen, vermutlich elektrische, kleine ferne Lichter im Halbdunkel.
Aus einer Ecke hört man plötzlich ein lautes Bravo. Da sitzt ein Mann im Rollstuhl, neben den aufgestellten Stühlen vor uns. Die einzige hörbare Stimme unter hundert. Dann redet er hin und wieder weiter, leise, mehr zu sich als zu jemandem, bis einer von der Gemeinde, derselbe, der das Konzert angekündigt hat, sich zu ihm hinunter beugt, ganz nah, den Zeigefinger an den Mund legt und ein leises sssss macht. Das Selbstgespräch machte gerade so viel Lärm, wie so ein Konzert vertragen kann.
Foccroulles „Kolorierte Flöte“ ist noch einmal was anderes als Bach oder als Elfrida Andrée. Er nimmt alles auseinander, bis jedes Rohr wie eine Flöte klingt, aus der ein Pfeifen herauskommt. Zu diesen Klängen kämmt sich der Mann im Rollstuhl die etwas längeren Haare mit langsamen, wiederholten Bewegungen nach hinten, als ob er sich für jemanden bereit macht oder sich selbst wieder in Ordnung bringt. Es folgen Klänge, in denen das feine Blasen zu hören ist wie bei einer Panflöte. Eine Frau deutet mit den Händen ein Klatschen an und lächelt zufrieden.
Das Maestoso aus Merkels Orgelsonate holt alles zurück, die ganze Orgel. Jetzt sehe ich Angela Metzger vor mir, wie aus dem Dunkel erschienen, mit dem Rücken zu uns und mit beiden Händen auf den Tasten.
Später lese ich auf der Website der Gemeinde, dass die Orgel 1534 Pfeifen hat.
Man blickt nach vorne. Während des Adagio, des vorletzten Satzes des Abends, drehe ich mich aber zum ersten Mal um und sehe hinauf auf die Orgel. Der weiße Kopf eines Mannes wird sichtbar, und ich schließe daraus, das sei derjenige, der blättert.
Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Vor mir, auf der Buchablage der Vorderbank, liegt noch der Zettel, eine Kopfzeile mit Farbstreifen wie ein Spektrum, grün und rot. Darauf sind das Geburts- und das Todesjahr der Komponisten zu lesen. Ich rechne ihre Lebensjahre: Bach 65. Andrée 88. Mendelssohn Bartholdy 38. Merkel 58. Bei Foccroulle steht nur das Geburtsjahr. Erlebt noch, dreiundsiebzig. Bei dreien endet die Zahl auf eine Acht. Ich wünsche mir, auch bei Bach eine Acht zu finden, damit die Rechnung stimmt, es ist aber eine Fünf. Er stirbt 1750, Andrée wird 1841 geboren. Dazwischen liegen einundneunzig Jahre. Was wurde in dieser Zeit gespielt?
Mit Introduction und Fuge nähert sich das Konzert dem Ende.
Ich drehe mich noch einmal um. Nun sehe ich den Kopf des Mannes zu ihrer Rechten und den einer Frau zu ihrer Linken. Die Rolle des Mannes hatte ich geahnt. Aber die Frau? Sie entfernen sich im Beifall der Menschen, der eine nach rechts, die andere nach links. Es ist der Moment, indem Angela Metzger wieder auftaucht. Ich drehe mich wieder nach vorn.
Der Orgelabend im Herbst ist nicht ganz vorbei, ein Epilog folgt noch: Angela Metzger spielt ein letztes Stück. Ich weiß nicht, was es ist, aber seine Klänge streicheln die Ohren.
Es wird gebetet. Ich erkenne einen Satz, den ich mir merke: „Dein ist der Tag und dein ist die Nacht. Amen.“
Die Menschen gehen auf den Ausgang zu, einige direkt zum Buffet. Flüchtig registriere ich Gläser für Wein, und Kleinigkeiten zum Essen sehe ich auch noch. Ich will an diesem Abend keine Journalistin sein.
Den Mann im Rollstuhl habe ich längst aus dem Blick verloren. Ich weiß nicht, ob er noch zum Buffet geht, ob er jetzt allein oder in Gesellschaft spricht. Wir gehen hinaus, meine Mutter und ich.
Mittwoch, 9. September 2026, 19 Uhr
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