Sie

I.

Am frühen Morgen, fest eingehüllt, schloss sie ihre Haustür zu und ging hinaus. Ein langer Tag lag vor ihr. Sie lief bis zur Straßenbahnhaltestelle, die dreihundert Meter von ihrem Haus entfernt war. Auf dem Weg hörte sie eine Taube rund und gedämpft gurren. Ihre Schritte im Schnee hielten inne und sie hörte sich genauer um. Stille. In der Ferne trillerten plötzlich die Spatzen in kahlen Büschen. Der Frühling komme, dachte sie, und lief zuversichtlich und lächelnd weiter. Schon in den ersten Januarwochen hatte sie im bräunlichen Laub des vergangenen Herbstes und im städtischen Schmutz eine kleine Siedlung Schneeglöckchen entdeckt. Sie waren so zärtlich, dass sie fast verloren in der Landschaft schienen. Sie dachte: Schwere Aufgabe – das Tragen des Zeichens eines Frühlings.

II.

Eine Nebelkrähe pickte unermüdlich in leeren Pizzakartons zwischen zwei geparkten Autos, als würde sie die Kartons durchsuchen. Oft sah man Nebelkrähen im Müll picken. Dabei verstreuten sie die Reste der Stadt. Meist fanden sie gar nichts. Doch sie pickten immer weiter. Sie ließen sich von keinem Menschen stören – anders als die Tauben. Die Nebelkrähen trauten sich sogar auf die Straßen, auf Bürgersteige, auf Haltestellen und auf Schienen. Tapfere Stadtvögel, die wenig fürchteten – den Müll am allerwenigsten. Wie Detektive ermittelten sie in den Spuren des Stadtlebens. Meistens waren sie allein unterwegs – anders als die Tauben, die in Gemeinschaft ihren Tanz vollzogen. Die Nebelkrähe pickte weiter, obwohl sie nichts zu finden schien. Vielleicht hatte sie kein Gedächtnis. Vielleicht hatte sie große Hoffnung. Oder eben keine andere Beschäftigung. Jedenfalls bewunderte man ihre Geschicklichkeit und Ernsthaftigkeit. Als sie schließlich aufgab, stolzierte sie davon mit der Selbstverständlichkeit, ihre Arbeit gut gemacht zu haben.

III.

Sie hatte eine besondere Art von Dyslexie, die des Blicks: Sie vertauschte nicht Buchstaben, sondern Zeiten – sie sah in Kindern die kommenden Erwachsenen und in Erwachsenen die unaufgehobenen Kinder und verstand schließlich die Worte „wachsen“ und „altern“ nicht mehr.In den Erwachsenen öffnete sich die Weite der Kindheit, in den Kindern verbarg sich die Zukunft – und gab sich nur stückweise zu erkennen. Zuerst wusste sie nicht, was all das zu bedeuten hatte. Sie zuckte die Schultern und wartete auf die Straßenbahn. Doch als sie in diesem Gedanken verharrte, dachte sie: „Vielleicht war es kein Irrtum, sondern eine Art von Treue: den Ursprung im Gewordenen nicht zu vergessen und im Werden das Ende nicht zu fürchten.“Das verlieh den Kindern die Würde eines Erwachsenen und den Erwachsenen die Unschuld eines Kindes – ein merkwürdiger, plötzlicher und ununterdrückbarer Blick.Ende und Anfang durchdrangen sich einander in ihrem Blick. „Mit der Zeit könnte das anstrengend werden“, dachte sie noch. Sie konnte nichts dafür. Allmählich erkannte sie die Magie ihres Blicks und seine Gefährlichkeit. Sie stieg in die Straßenbahn ein.

IV.

Vor dem Eingang zur Geburtsklinik, die nicht weit von ihrem Haus entfernt war und an der sie oft vorbeilief, lag eine Zeitung auf dem Bürgersteig, vom Wind aufgeschlagen. Im Vorübergehen konnte sie noch den Übertitel lesen: „Dieser Krieg wird die Welt sicherer machen.“Sie ging weiter. Doch gleich fragte sie sich: Welchen Krieg soll das gelten? Welcher Krieg soll so notwendig sein? Sie blieb stehen. So eine Leichtigkeit, mit der man auf der Straße über Krieg lesen konnte, als wäre er nur ein Hauch Atem im Frühling! Sie kehrte um und fotografierte die Seite. Dabei sah sie aus dem Augenwinkel einen Mann, der vor ihr seinen kleinen Sohn beim Gehen begleitete. Er schien beschäftigt zu sein. Die Fotografie gelang ihr nur teilweise. Nach mehreren Versuchen, ein gerades Bild zu bekommen, lief sie weiter. Versunken in Gedanken, kehrte sie noch mal um und sah, wie ein Mann über die Zeitung hinwegtrat. Wie der Wind gleich danach das Blatt weitertrieb. Sie gab sich schließlich mit der Fotografie zufrieden, auch wenn die Zeitung im Bild nicht ganz gerade stand.

V.

An diesem sonnigen Sommertag, in dem die Stille das Licht hielt, fragte sie sich, ob die Taube, die vor ihren Augen geduldig pickte, verwandt war mit jener Taube eines sonnigen Nachmittags ihrer Kindheit. Ob sie etwas gemeinsam hatten. Das Picken. Das zweibeinige Gehen. Der leise zuckende Hals. Auf einer Straße, mit dem Blick in eine weite Geschichte. Ob sie vielleicht dieselbe Taube war.


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